Mein Beitrag zur Toleranzwoche

21 Mar

Als ich gefragt wurde, ob ich an einem Toleranz-Blogger-Event teilnehmen möchte, musste ich nicht zweimal überlegen. Schließlich habe ich auch schon mal für den Hijabi Blog einen Gastbeitrag geschrieben, wie man sich als liberale Nichtgläubige so fühlt.

Als ich überlegte, worüber genau ich schreiben soll, dachte ich: Ich frage einfach  mal die tolerantesten Menschen, die ich kenne. Meine Arbeitskollegen.

Mein Arbeitsumfeld lässt sich mit dem Wort „bunt“ am besten umschreiben. Ich kann nicht mal schätzen, wieviele Nationen bei den über 30 Kollegen vertreten sind. Davon sind viele wieder mit jemandem einer anderen Nationalität zusammen oder verheiratet. Meine Kollegen sind unter anderem dunkelhäutig oder asiatisch, homosexuell oder muslimisch, skandinavisch oder christlich – und ich finde es so wunderbar, dass jeder akzeptiert wird. Niemand ist „anders“ aufgrund dieser Merkmale.

So fragte ich also meine Kollegen, mir zu helfen, bei meinem Blogbeitrag. Ich bat sie, mir zu sagen, was „Toleranz“ für Sie bedeutet. Viele Antworten bekam ich leider nicht, aber die, die ich bekam, fand ich ganz toll, und mit diesen Antworten möchte ich meinen Beitrag beginnen.

Einer meiner Kollegen ist kein Freund vieler Worte.  Auf die Frage „Was ist für Dich Toleranz?“ antwortete er: „I just don’t give a fuck“ und sendete mir dieses Youtube Video:

Ich musste lachen. Kann es wirklich so einfach sein? Ist es nicht herrlich wenn jemand einfach sagt, ist mir scheißegal, wie Du aussiehst oder wo Du herkommst? Als jemand, der ständig über etwas nachdenkt, finde ich das bemerkenswert, dass jemand sich da gar keine Gedanken drum macht und einfach jedem, dem er begegnet, eine Chance gibt. Er wäre wohl kein guter Gastblogger für dieses Event gewesen J

Die nächste Reaktion:
„Tolerance makes the human relations so much easier, but to just have a tolerant attitude towards just about everything does not make this world better.  We need to clearly state that we do not tolerate racism and violence for example.  So also a tolerant person needs to make choices, probably more than on intolerant one.”

Ja, da spricht er wohl vielen aus der Seele. Toleranz schön und gut, aber einfach nur alles tolerieren macht diese Welt nicht besser. Es muss Grenzen geben! Rassismus und Gewalt zum Beispiel, findet er nicht tolerierbar und er findet, tolerante Menschen müssen viel mehr Entscheidungen treffen, als intolerante.

Eine weniger schöne, persönliche Geschichte kam von einer Kollegin. Auf all die Ausländer wurde sie angesprochen, die nach Deutschland kommen. Als sie entgegnete,  dass sie selbst auch Ausländerin ist bekam sie die Antwort „Aber Du siehst gar nicht aus wie ein Ausländer“.
Aaah, „tolles“ Beispiel. „Ausländisch“ ist also nur, wer ausländisch aussieht, sich vom äußeren klar abhebt von der persönlichen Norm? Und die sind nicht willkommen! Aber die Ausländer, die wie Deutsche aussehen, die sind in Ordnung.

Vor allem, seit ich den Nachnamen meines kroatischen Ehemannes übernommen habe mache auch ich sehr seltsame Erfahrungen. Ein Gespräch im Krankenhaus:
„Wo kommen Sie denn her?“
„Mannheim“.
„Nein, ich meine, wo kommen Sie ursprünglich her!“
„….Mannheim!“
„Nein, ich meine, wo kommen ihre Eltern her!“
„………….auch aus Mannheim!“
„Ja aber Ihr Nachname…“
„Den habe ich von meinem Ehemann übernommen. Mein Geburtsname ist Schmidt!“
„…..“

Ich wusste anfangs gar nicht, was der überhaupt von mir möchte!
Bevor ich aber mehr über meine Erfahrungen und meine Meinung dazu schreibe möchte ich euch eine weitere Reaktion eines Kollegen nicht vorenthalten, denn diese bestimmt maßgeblich, wie ich das Thema weiter angegangen bin.

Wir wissen, dass sich Toleranz vom lateinischen Wort „tolerare“ ableitet, was so viel wie „erdulden bedeutet. Für mich ist allein dieses schon eine Beleidigung. Möchte ich von der Gesellschaft wirklich „nur“ erduldet werden, wie ein schlechtes Lied im Radio!? Nein! Toleranz kann immer nur der erste Schritt aber niemals das Ziel sein. Das Ziel heißt Akzeptanz – gleiches Recht (und Pflichten) für alle.

Man könnte mir hier sicherlich Haarspalterei vorwerfen, aber als Mitglied einer Minderheit möchte ich nicht bloß toleriert, sondern akzeptiert werden. Ich bin ein Teil des Ganzen und mir stehen die gleichen Rechte und Pflichten wie jedem anderen auch zu.

Hierbei ist es völlig unwichtig, ob sich mein „Minderheiten-Status“ von meiner Hautfarbe, meiner sexuellen Orientierung, meines religiösen Bekenntnisses etc. ableitet. So lange ich mich auf der Grundlage des Grundgesetzes bewege, spielt der Grund meines Andersseins keine Rolle!

Als „Toleranz“ sehe ich etwas, das mir „gewährt“ wird, aber nicht garantiert ist. Wer aber ist die Mehrheitsgesellschaft um mir ein Recht vorzuenthalten oder zu gewähren? Toleranz schön und gut – zu einem gelungenen UND gerechtem Miteinander der Menschen gehört nicht „Toleranz“, sondern „Akzeptanz“.

Was sagt Ihr dazu? Ich sage: BÄM! Denn so hatte ich das gar nicht gesehn! Juuhuuu Toleranzwoche, dachte ich. Aber ist Toleranz ausreichend??

Ich finde: Nein! Ist Toleranz der Anfang zur Akzeptanz? Ganz klares ja! Letztendlich kann sich aber glaube ich fast jeder in dem Satz finden: „Ich bin ein Teil des Ganzen, mir stehen die gleichen Rechte und Pflichten zu wie jedem anderen auch“.

Dennoch: Bei Toleranz müssen wir anfangen. Also habe ich die letzten Wochen besonders die Augen offengehalten.  Als ich in einem Stadtteil mit sehr hohem Ausländeranteil einkaufen ging, und beim türkischen Supermarkt wie immer ein Brot und ein paar Sesamkringel bestellte, wurde ich wie immer superfreundlich und lächelnd in perfektem Deutsch bedient – ein Kompliment der Verkäuferin bekam ich kostenlos dazu!

Ist das vielleicht schon ein Lösungsansatz? Hätte die alte Dame, die vorurteilsbeladen durch ihren ihr inzwischen fremden Stadtteil läuft, vielleicht einfach nur mal von dieser herzlichen, freundlichen Frau in perfektem Deutsch bedient werden müssen, um ihr etwas Angst zu nehmen? Wäre es für sie vielleicht einfacher gewesen, in Zukunft ihre plöztlich bunte Umwelt besser zu akzeptieren? Sind Vorurteile oftmals nicht einfach nur Ängste, die man mit etwas Offenheit einfach beseitigen könnte?

Für mich macht es Sinn. Toleranz und Akzeptanz beginnt immer bei einem selbst. Offenheit, Freundlichkeit sind für mich sehr wichtige Faktoren! Ist jemand freundlich, verschwimmen viele andere Faktoren, die uns an einem anderen eventuell negativ im Gedächtnis bleiben können. Viele Vorurteile entstehen nach einer scheinbar negativen Erfahrung. Ohne Offenheit für den Dialog verstricken wir uns in diesen und projezieren sie auf andere, vielleicht gar auf ganze Bevölkerungsgruppen.

Ich will mich aber nicht nur am Thema Ausländer aufhängen. Ich will euch auch etwas Persönliches erzählen.

Falls ihr mal auf meinen Blog geklickt habt, habt ihr vielleicht gesehen oder gelesen, dass ich nach einer Essstörung stark übergewichtig geworden bin, und nach vielen erfolglosen Kriegen mit mir selbst habe ich mich für einen operativen Eingriff entschieden. Während es mir selbst stets besser geht, bekomme ich allerdings von außen noch immer die Gemeinheiten anderer zu spüren. Für meine Freunde, für meine Kollegen und Vorgesetzten, für meinen Mann, bin ich ICH. Den meisten Außenstehenden bin ich vermutlich völlig scheißegal, so wie sie mir auch. Aber für bestimmte Menschen bin ich ein Witz oder ein Hassobjekt.

Ich bin ein schlechtes Vorbild, eine ungesunde, undisziplinierte, faule, fette verfressene Frau.  Vor allem aber bin ich eins: hässlich. Und es gibt genügend Menschen, die kein Problem damit haben, mich damit regelmäßig zu konfrontieren. Erst vor zwei Wochen, am Wochenende musste ich mir wieder ins Gesicht lachen lassen, von jungen Leuten, die mich nicht kennen. Sie beurteilen mein Gewicht, der Rest ist irrelevant. Sie laufen an mir vorbei, zeigen mit dem Finger auf mich, rufen im Vorbeigehen irgendwas mit „Fett“. Ja, das Fett ist ein Teil von mir, der offensichtlichste,  aber eben nicht alles.

Mein Lösungsansatz für mich selbst ist, dass ich versuche, offen und freundlich zu allen zu sein. Meistens funktioniert das. Natürlich habe ich auch mal schlechte      Tage, an denen ich empfindlich und verletzlich bin. Aber ich  möchte mir selbst und auch den anderen auch etwas beweisen. Man kann dick sein und trotzdem nicht   dem Klischee entsprechen. Ich habe mir gesagt, ich gebe Hatern so wenig Angriffsfläche wie möglich (außer meinem Gewicht). Ich weigere mich, dem dick=hässlich Klischee zu entsprechen! Ich gehe regelmäßig zum Friseur, ich pflege mich gut, ich ziehe mich gut und passend an und ich bin freundlich zu meinen Mitmenschen. So hat mir hinterher schon so mancher beschämt gestanden, bisher sehr vorurteilend gewesen zu sein, gegenüber dicken Menschen, aber ich hätte geholfen, dies zu ändern und das Bild zu verbessern.
Das freut mich natürlich, für mich funktioniert es ganz gut so.

 

 

Aber es gibt auch Menschen, die haben an jedem etwas auszusetzen! Nach meiner OP, der Ehemann meiner Zimmergenossin zum Beispiel. Dem Herrn war in der Rente wohl etwas langweilig. Er wütete über Ausländer (obwohl mein Mann nebendran saß, den er auch nicht persönlich ansprach weil „der Ausländer“ spricht ja ohnehin kein Deutsch), über die Moscheen (einmal schnell gegoogelt finde ich auf Wikipedia Liste von 89 Sakralbauten in Mannheim, darunter satte 2 Moscheen, ob das wirklich alle sind weiß ich allerdings nicht),  über Kopftücher (Unterdrückung der Frau, ganz klar, dass seine eigene aber selbst recht wenig zu dem ganzen sagte will ich dann doch mal nicht überbewerten), über Vegetarier und Veganer (neumodischer Scheiß, früher hat’s so was nicht gegeben!), über Homosexuelle (abnormal), über Tätowierte („Sie haben ja wirklich überall so ein Ding, also ich finde das nicht schön!“) oder über dunkelhäutige Menschen („seit der Obama an der Macht ist werden die auch immer frecher!“).

Wer hier noch nicht heulend zusammengebrochen oder in Ohnmacht gefallen ist, kann sich vielleicht vorstellen, wie man sich fühlt, mit so jemandem den Tag zu verbringen.

Ein bisschen Toleranz tut uns allen gut, aber man bekommt sie nun mal nicht geschenkt. Toleranz und Akzeptanz ist etwas, was man sich erarbeitet. Vorurteile lösen sich nicht in Luft auf, ich muss selbst aktiv sein und Interesse daran haben, anderen Menschen zu begegnen. Ich hatte und habe  auch meine Vorurteile, wie vermutlich fast jeder. Der Dialog lässt mich an diesen zweifeln: Wer bin denn ich zu beurteilen, was jemandem gut tut? Nur weil ich nicht glaube, etwas nicht verstehe, jemandes Motive oder Gefühle nicht nachvollziehen kann, habe ich nicht automatisch Recht und der andere Unrecht.

Ich habe gelernt, gelassener und toleranter zu sein. Das kann jeder!  Genießt das Privileg, in einer diversen und bunten Umgebung aufzuwachsen. Deutschland ist nun mal bunt, ihr habt ohnehin keine Wahl🙂 Erzählt von euren Erfahrungen, nehmt anderen die Angst, vor eurem Anderssein, oder dem Anderssein eines anderen. Freut euch darüber, in einer Großstadt Spezialitäten aus zig Ländern probieren zu können.  Freut euch darüber, dass eure homosexuellen ArbeitskollegInnen zu ihrem Partner stehen dürfen und diesen ehelichen dürfen, genau wie ihr. Lacht zusammen darüber, wenn euch mal wieder auffällt, dass ihr selbst ein Klischee erfüllt („Ich bin so deutsch, ich kehre jeden Samstag die Straße und fahre danach das Auto durch die Waschanlage“).  Und vor allem, habt keine Angst zu fragen – und ärgert euch  nicht, wenn euch dieselbe Frage wieder und wieder gestellt wird.

Es gibt in allen Bereichen noch sehr viel zu tun. Beginnt bei euch selbst. Übt euch in Akzeptanz, bevor ihr diese einfordert. Fragen und Antworten bringen uns ans Ziel. 

Es grüßt euch, Nine

Die anderen Beiträge und die Links zu ihren Verfassern findet ihr beim Hijabi Blog

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